Was ist nur los mit mir? M bietet mir an, heute ins Cats nach München zu fahren und ich hab keine Lust dazu. Hast du das gehört? Sie will mit mir in diesen schicken urbanen Swingerclub fahren und ich mag nicht! Mann! Was ist das nur? Nicht, dass ich keine Lust auf Sex hätte, dem ist ganz sicher nicht so, aber ich spüre einfach ziemlich deutlich, dass mich im Moment solche „Abenteuer“ nicht reizen.
Und die Gründe dafür?
Wenn ich da nur sicher wäre. Ich merke ja einerseits ihr offensichtliches Bemühen, mir eine Freude zu machen. Sie liebt mich ja, das merke ich mehr als deutlich. Sagt sie mir auch. Immer wieder. (Und mir fällt es grad so schwer, ihre Liebesbeteuerungen entsprechend zu erwidern… Kann nicht lügen, will es nicht…) Sie weiß außerdem, dass es mich in den letzten Wochen und Monaten beruflich extrem geschleudert hat.
Und doch hat ihre Liebe für mich auf der anderen Seite eine Qualität, die ich nicht oder nur schwer ertragen kann und mag. Ich fühle da ganz stark diesen enormen Besitzanspruch, den sie damit noch verstärkt, indem sie mir schon mehrmals gesagt hat, dass obwohl sie ja in unserer „offenen“ Beziehung die Möglichkeit hätte, mit anderen Männern etwas anzufangen, kein Interesse daran hat, denn für sie gäbe es nur mich. Andere hätten da kaum eine Chance, würde sie doch die anderen immer an mir messen.
Fuck!
Was kannst du auf so eine Aussage hin entgegnen? Und: was fängst du bloß damit an?
Nicht einmal unser cooler Hausarzt, der so auf sie steht, scheint wirklich eine Chance bei ihr zu haben. Der Gute weiß ja offenbar sehr viel über M und mich, das hat sie mir schon gesagt, denn eine Sexpraxis, die ich gerne mal zwischendurch mag – und sie ebenfalls – geht auf Anraten des Arztes nicht mehr. Sagt sie. Sie hat ihm außerdem erzählt, dass sie ein Faible für SM hat. In ihrer Fantasie, nicht im wirklichen Leben. No way! Er weiß auch, dass wir einige Male in angesagten SM-Clubs waren und das sehr genossen haben. Seitdem schickt ihr der Hausarzt jedenfalls immer wieder mal diverse Hochglanzpornobildchen „zum Anregen“. Woher ich das weiß? Eines hat sie mir schon vor einem Jahr einmal gezeigt, ein anderes muss der mit Computern wohl nicht sehr Vertraute in der Eile doppelt verschickt haben
und zwar zuerst an mich – denn auch wir beide verkehren miteinander per Mail. Dieses Bildchen zeigte ein sehr schlankes Model, das sich auf einem Gynstuhl rekelt und dem Betrachter ihren Arsch ins Gesicht streckt… und in ihrem Geschlechtsteil steckt ein Dildo, der offenbar ein Teil einer skurrilen Maschine ist. Dazu der kurze Kommentar unseres Hausarztes: „zum Anregen“. Und vor der Grußformel noch die Frage, wie es heute ihrem „Möschen“ gehe.
Wenn M mit ihm ein Verhältnis haben sollte, dann macht sie das jedenfalls unglaublich diskret, denn ich merke überhaupt nichts – und das obwohl wir vereinbart haben, uns solche Dinge nicht mehr zu verheimlichen. Doch ich fürchte, da läuft außer ein bisschen Flirten wahrscheinlich nichts.
„Fürchte“ habe ich soeben geschrieben. Und das ist ja schon wieder so eine Sache. Denn: ich hätte ja nicht das Geringste gegen so eine Affäre, spür ich doch ganz deutlich, wie sehr mich selbst das von meinem Druck befreien würde. Warum? Ich geb schon zu, es ist eine ziemlich schräge Art zu argumentieren, doch wage ich es nicht mehr, eine weitere Außenbeziehung einzugehen, denn das wäre ja schon zum wiederholten Mal auf meine Initiative hin dann der Fall. Heißt: ich bin wieder der Schuldige, lade Schuld auf mich, sagt dann nicht unbedingt sie, sondern mein dämliches urkatholisches Gewissen und das, obwohl ich seit Jahrzehnten nicht mehr bei diesem lustfeindlichen Verein Mitglied bin. So warte ich darauf – und da kann ich wohl so lange warten, bis ich alt und grau bin, dass sie endlich einmal aktiv wird und mir so den Anlass bietet, zu reagieren statt zu agieren.
Ich mag also keine Sexabenteuer mit M mehr, die letzten Male waren da zum Teil ziemlich … naja… abtörnend und dann denke ich seit einer Weile ständig darüber nach, warum ich solche Lust auf diese Geschichten hatte und im Moment gar nicht mehr. Derzeit spüre ich, dass unsere kleinen Eskapaden nicht anderes sind als der Versuch, das überaus löchrige Gefäß unserer Beziehung mit untauglichen Mitteln zu reparieren. Wir stopfen da ein Loch, dann dort und merken nicht, dass im Gefäß nicht mehr viel drin ist. Sage ich, kann’s nicht begründen, fühle das nur. Und sie sieht das vollkommen anders.
Hört sich das nicht dämlich an? Ist es wohl auch…